Autismus im Spannungsfeld zwischen Neurodiversität und neuronaler Entwicklungs­störung

Das öffentliche und fachliche Interesse an der Thematik Autismus hat in den letzten Jahren stetig zugenommen. Mit der gestiegenen (medialen) Aufmerksamkeit gehen jedoch Unsicherheiten und Herausforderungen in der diagnostischen Praxis einher. Einerseits ermöglicht eine Diagnose Zugang zu Verständnis, Förderung und Unterstützung, andererseits mehren sich Hinweise auf Selbst-, Wunsch, Über‑ und Fehldiagnosen, insbesondere bei klinisch komplexen oder grenzwertigen Fällen.  Das Seminar beleuchtet das Spannungsfeld zwischen klinischer Realität, gesellschaftlichen Deutungen und wissenschaftlicher Evidenz. 
Die Konzeptualisierung der Autismus-Spektrum-Störung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert. Mit der Erweiterung des Spektrums und der zunehmenden Berücksichtigung unterschiedlicher klinischer und subjektiver Perspektiven ist auch die Heterogenität der Erscheinungsbilder und der zugrunde liegenden Konzepte gewachsen. Parallel dazu hat das Neurodiversitätskonzept zunehmend Eingang in den gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskurs gefunden. Es betont die natürliche Vielfalt menschlicher Wahrnehmungs-, Denk- und Verhaltensweisen. So einfach, überzeugend und populär diese Annahme ist, so verschieden sind die Auslegungen und Implikationen. Verbunden damit tauchen in der klinischen Praxis eine Reihe von Fragen auf, unter anderem hinsichtlich der Abgrenzung von Normvarianten und behandlungsbedürftigen Beeinträchtigungen, der Bedeutung biologisch-genetischer Faktoren, der Entwicklung von Identität und Selbstverständnis sowie die Einordnung assoziierter Konzepte wie z.B. „Masking / Camouflaging“. Auch für Diagnostik und therapeutische Entscheidungsprozesse ergeben sich daraus neue Herausforderungen, die in diesem Seminar aus verschiedenen Perspektiven kritisch reflektiert werden.

Ziele

Teilnehmende erhalten einen Einblick in
  • Veränderung der Konzeptualisierung im Laufe der Zeit
  • Diagnosekriterien, Komorbiditäten
  • Verlauf und geschlechtsspezifische Besonderheiten
  • Diagnostik und Differenzialdiagnostik
  • Therapeutische Interventionen

Zielgruppe

  • (Fach)Ärzte und* (Fach)Ärztinnen
  • Psychologische Psychotherapeut:innen
  • Fachkräfte aus Medizin, Psychologie und Therapie

Inhalte

Anhand der Darstellung verschiedener Konzeptualisierungen und deren empirischer Evidenz, sollen Diskussion und kritische Reflexion angeregt werden. Anhand von vielen Fallvignetten mit Videodemonstrationen werden die grundlegenden Merkmale des Autismus dargestellt und die Teilnehmenden in ihrer Fähigkeit zur Verhaltensbeobachtung trainiert. Ein Schwerpunkt ist die Differenzialdiagnostik von Störungen mit überlappender Symptomatik. Hier können die Teilnehmenden eigene Erfahrungen, Fragen und Praxisbeispiele einbringen. Bezüglich therapeutischer Interventionen wird zunächst ein Überblick über evidenzbasierte Behandlungsansätze gegeben und der Verlauf anhand konkreter Fallbeispiele erläutert. 

Ihre Dozentin

Prof. Dr. Kamp-Becker, Inge
Prof. Dr. Kamp-Becker, Inge

Prof. Dr. Inge Kamp-Becker ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie – und Psychotherapie, Universitätsklinikum Heidelberg und beschäftigt sich seit über 25 Jahren sowohl in wissenschaftlicher, als auch klinischer Sicht mit der Thematik Autismus-Spektrum-Störungen. Sie hat lange Jahre eine Spezialambulanz für Autismus-Spektrum-Störungen geleitet und koordiniert mehrere multizentrische Forschungsprojekte. Bei ihrer Forschung handelt es sich um klinisch relevante Forschungsfragen, die die frühe, valide Identifikation und Behandlung von Autismus zum Ziel haben.  Sie ist zertifizierte ADOS-Trainerin und beschäftigt sich insbesondere mit diagnostischen, differentialdiagnostischen und therapeutischen Aspekten des Störungsbildes Autismus. Sie ist Mitglied der Steuergruppe der AWMF- S3- Leitlinien zur Diagnostik und Therapie der Autismus-Spektrum-Störungen und Vorstandsmitglied der wissenschaftlichen Gesellschaft für Autismus sowie im wissenschaftlichen Beirat von Autismus Deutschland.

Literatur

  • Poustka, L., Noterdaeme, M., Herbrecht, E. & Kamp-Becker, I.  (Hrsg.) (2027). Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Ein integratives Lehrbuch für die Praxis. Kohlhammer Verlag.
  • Stroth, S., Langhammer, A. & Kamp-Becker, I. (2025). Autismus im Erwachsenenalter. Hogrefe Verlag. 

Fr., 29.01. und Sa., 30.01.2027,
jeweils 09:00 bis 17:00 Uhr

Kurs-Nummer
111-1
Unterrichts­einheiten
16
430,00 €

Der ermäßigte* Preis liegt bei 344,00 €.

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